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Die literarische Strömung des Sturm und Drang

(Nicht näher bezeichnete Autorenangaben beziehen sich auf literaturwissenschaftliche Standardpublikationen zum Thema und / oder Positionen der jeweiligen Forscher)

Um sich dem literarischen Phänomen des Sturm und Drang zu nähern, soll zunächst die historische Situation des heutigen Deutschlands im 18. Jh. dargestellt werden. Anschließend erfährt die literarische Strömung eine Betrachtung aus dem Blickwinkel der Literaturgeschichtsschreibung. Dabei wird insbesondere auch das Verhältnis des Sturm und Drang zur Epoche der Aufklärung beleuchtet. Merkmale und Charakteristika des Schreibens sind Gegenstand des folgenden Abschnittes, welcher in die Bestandsaufnahme neuer Themen und Motive des Sturm und Drang mündet. Nicht zuletzt sollen einige dramentheoretische Betrachtungen skizziert werden, darunter auch die vieldiskutierte Poetik- bzw. Ästhetikfrage.

Das heutige Deutschland besteht seit dem Dreißigjährigen Krieg aus etwa 300 Ländern und Kleinststaaten unterschiedlicher Größe, die jeweils ihre eigene Politik betreiben. An ihrer Spitze stehen zumeist absolutistische Herrscher, die alle Macht in einer Person vereinen. Die Reichsgewalt dieses heiligen römischen Reiches deutscher Nation liegt bis 1806 zwar beim deutschen Kaiser, seine Einflussmöglichkeiten bis in die regionalen und lokalen Strukturen sind jedoch begrenzt. Gegen die absolute Gewalt der einzelnen Monarchen gibt es so gut wie kein Widerstandsrecht.

Dem Adel kommt innerhalb dieser absolutistische Gesellschaftsform eine besondere Rolle zu: seine Stellung beruht sowohl auf Grundbesitz als auch der Untertänigkeit der Bauern. Besonders gegenüber dem im 18. Jh. aufstrebenden Bürgertum der Städte ist der Adel mit bedeutenden Vorrechten, beispielsweise Steuervorteilen oder Besetzung von Führungspositionen in Militär und Verwaltung, ausgestattet. Außerdem zieht man eine scharfe Grenze zwischen den einzelnen Ständen innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchie.

Zu Beginn des 18. Jh. setzt sich eine gesamteuropäische Bewegung in Gang, die in den Geisteswissenschaften als Epoche der Aufklärung erfasst wird. Ihre Anfänge sind eng mit dem Philosophen Descartes verbunden, der eine eindeutige und umfassende Sicherung menschlicher Erkenntnis anstrebt. Innerhalb der Erkenntnisprozesse der Aufklärung soll die Menschheit von allen Traditionen, Normen und Konventionen befreit werden, die keiner Prüfung durch die menschliche Vernunft standhalten können. Als wichtiges Instrument gilt die Kritik, der sich jede Überzeugung und jeder Glaube auszusetzen habe. Mit dieser Kritik geht die Forderung nach Meinungsfreiheit und Toleranz einher, die einander bedingen. Diese Gedanken der Aufklärer stehen jedoch im Widerspruch zur politischen Wirklichkeit in Europa.  

Verbunden mit den Maximen der Aufklärung sind Fortschrittsgedanken und der Glaube an die Perfektion des Menschen: dies impliziert die Möglichkeit, ein Individuum moralisch, intellektuell und körperlich verbessern zu können. Dies soll durch Erziehung des Menschen erreicht werden. Hinzu kommt das Streben, das Wissen der Zivilisation in Büchern zu versammeln. Um eine weitreichende Vermittlung und Verfügbarkeit zu gewährleisten, ist das 18. Jh. auch eine Zeit der beschleunigten Alphabetisierung. Um ca. 1800 kann etwa ein Viertel der deutschen Bevölkerung des Lesens und Schreibens mächtig.

Diese Entwicklungen widerspiegeln sich in Kunst und Literatur. Die deutsche Produktion an Dramen, Romanen und Gedichten vervielfacht sich Mitte des 18. Jh. und auch das Lesepublikum weitet sich aus. Von der Wochenzeitung bis zum Lesezirkel beschäftigt man sich mit Theorien und Überzeigung der Aufklärung und konzentriert sich besonders auf die Fragen der Lebensführung und der Würdigung des bürgerlichen Lebens. Diese Entwicklungen tragen der Tatsache Rechung, dass sich das Bürgertum innerhalb der feudalen Gesellschaft als neue soziale Schicht herausbildet, die Handel treibt und Kapital besitzt.

Gleichzeitig vollzieht sich eine Abkehr von der höfisch verankerten Dichtung, womit sich das Zeitalter des besoldeten Hofdichters dem Ende neigt. An seine Stelle tritt der freie Schriftsteller. Seine Tätigkeit ist zwar deutlich freier von den Interessen fürstlicher und geistlicher Geldgeber, jedoch sehen sich die freien Schriftstellerexistenzen der Unsicherheit ihres Einkommens ausgesetzt. Hinzu kommt, dass sie sich stark an den literarischen Markt und den Geschmack des Publikums anpassen müssen.

2. Sturm und Drang – eine literarische Strömung und ihre Einschätzung in der Literaturgeschichtsschreibung

Die literarische Erscheinung des S.u.D. wird überlicherweise auf das Ende des 18. Jh. datiert. Ausgehend von einer weiten Abgrenzung erstreckt sie sich von den 1760er Jahren bis in die 1790er Jahre. Luserke nimmt eine stärkere Eingrenzung vor und datiert den Sturm und Drang auf das Jahrzehnt von 1770 bis 1780. Ihren Anstoß bekommt die Bewegung spätestens mit dem Treffen von Herder und Goethe in den 1760er Jahren. Nach Martini ist die Dichtung der Stürmer und Dränger nicht verständlich, ohne den Blick auf den jungen Goethe als ihr schöpferischer Mittelpunkt. So markiert auch seine Abreise nach Italien Mitte der 1780er das Verhallen der Sturm und Drang – Bewegung. Gemeinsam ist allen literaturgeschichtlichen Beschreibungen die Konzentration auf die so genannte Sattelzeit der 1770er Jahre (vgl. Brandes). Als besonderer Schwerpunkt ist das Jahr 1776 zu nennen, in welchen je nach Datierung der Werke, ungefähr neun Bühnenstücke erschienen. Politisch ist der Sturm und Drang in der Zeit des Absolutismus zu verorten, kulturhistorisch innerhalb der Aufklärung, wobei zumindest die letztere Einordnung in der Forschung nicht unumstritten ist.

Als Themen und Schlagworte des Sturm und Drang, die sich im literarischen Schaffen dieser Zeit manifestieren, sind unter anderem folgende zu nennen: Genialität, Spontaneität, Individualität, Gefühlsbetonung, Freiheitsdrang, Natürlichkeit oder Originalität

Die Erscheinung des Sturm und Drang findet keine Entsprechung in anderen Bereichen kultureller Produktion. Die ältere Forschung sieht im Sturm und Drang zu Unrecht eine Gegenbewegung zur Aufklärung. Huyssen nennt zur Erfassung der so genannten Genieperiode die heuristischen Konstrukte bzw. die Abgrenzungskonzepte der Klassik – Legende und der Romantik – Legende. Entsprechend der Klassik – Legende wird das literarische Schaffen des Sturm und Drang als Vorstufe zu späteren Epoche der Klassik betrachtet. Diese Auffassung herrscht nach Hyssen seit Beginn der systematischen Literaturgeschichtsschreibung im 19. Jh. vor. Da sie die Werke und das poetische Verständnis der Klassik gewissermaßen als unhinterfragte Norm setzt, erfahren die Werke des S.u.D. eine negative Bewertung.

Entsprechend der Romantik – Legende wird nach Hyssen der unvereinbare Gegensatz zwischen Klassik und Romantik postuliert. Dahinter steht die Idee eines dualistischen Rationalismus – Irrationalismus – Schema. In diesem Zusammenhang wird der Sturm und Drang als Vorstufe der späteren Romantik beurteilt. Klassik- und Romantik – Legende stellen jedoch nur einen Ausschnitt aus dem Spektrum literaturgeschichtlicher Forschung zum Sturm und Drang dar. Von besonderem Interesse sind dabei Fragen zur Eigenständigkeit des Sturm und Drang sowie seiner Wirkung und Nachwirkung in Literatur und Gesellschaft.

In den 60er Jahren des 20. Jh. kommt es zu einer kritischen Neueinschätzung des Sturm und Drang. Huyssen zeichnet unterschiedliche Stufen der kulturellen Emanzipation des Bürgertums in Deutschland vom Aufklärungszeitalter bis zur Frühromantik. In diesem Zusammenhang wird der Sturm und Drang besonders zum Ende des 20. Jh. vielfach als eine besonders dynamische Phase der Aufklärung betrachtet (vgl. a. Brandes)

Wiederum andere Forschungsansätze sehen die Aufklärungsbewegung besonders zum Ende des 17. Jh. in einer Krise. Die einseitige Betonung von Verstand und Vernunft führt in der Folge zu kulturellen Polarisierungen zwischen Reflexion und Rationalismus der Aufklärung, der Emotionalität und Gefühl der Empfindsamkeit sowie dem Veränderungs- und Tatendrang der Stürmer und Dränger. Diese drei Geisteshaltungen erscheinen in ihrer jeweiligen Verabsolutierung und Isolation als problematisch, was die Sturm und Drang – Dichter in ihren Werken virtuos aufzeigen. Sie fordern die Ganzheitlichkeit des Menschen, der seine Anlagen und Fähigkeiten ohne Einschränkungen entwickeln kann, indem Reflexion, Emotion und Aktion zum Ausdruck kommen. Goethe spricht in diesem Kontext davon, dass beispielsweise Handeln und Taten aus sämtlichen vereinigten Kräften zu entspringen haben und jede Einseitigkeit und Vereinzelung verwerflich sei. Schillers Postulat zielt auf eine „schöne Seele“, die dem harmonischen Gleichgewicht der anthropologischen Antithetik entspringt.

Festhalten lässt sich, dass die Aufklärungsbewegung, die mit Gottsched einsetzt und in Lessing ihren Höhepunkt erreicht, mit den Stürmern und Drängern in eine neue Phase tritt. Gleichzeitig avanciert der Schriftsteller zum „Kämpfer“ für die Rechte des Bürgertums: die Realisation erfolgt über die Literatur, in der die aktuellen Hemmnisse der bürgerlichen Emanzipationsbewegung thematisiert werden. Obwohl der Sturm und Drang in der zeitgenössischen Kritik als Gegenbewegung zur Aufklärung gesehen wird, versteht er sich aus heutiger Perspektive eher als Intensivierung und Radikalisierung aufklärerischer Ideale. Die Vernunft- und Verstandeskultur wird um die Elemente von Fühlen und Handeln erweitert. Wesentliche Tendenzen der Aufklärung werden gesteigert, beispielsweise entwickelt sich aus einem vernunftmäßigen Freiheitsbegriff ein leidenschaftliches Freiheitsbegehren. Hinzu tritt eine verstärkte Kritik an Despotie, Kleinstaaterei, Feudalismus oder gesellschaftlichen Konventionen, die nicht selten aufklärerischen Idealen entgegenstehen.

Jedoch lassen sich auch einige Aspekte benennen, die eine deutliche Abgrenzung des Sturm und Drang von der Aufklärung umfassen, und damit eine deutliche deutlichere Charakterisierung als eigenständige Strömung oder gar Epoche. Zu nennen sind hier das Prinzip der Leidenschaften, der Gefühle und des Genies im Gegensatz zum Prinzip des Rationalismus auf aufklärerischer Seite oder die unterschiedlichen Naturauffassungen. Weiterhin die Erkenntnis, dass die Aufklärung mit und durch Regeln in Repression um schlagen kann. Nicht zuletzt stehen sich Auffassungen in Bezug auf Individuum und Gesellschaft in Sturm und Drang diametral gegenüber. Die Aufklärer sehen den Einzelnen im Dienste der Gesellschaft stehen, der seine sittliche Selbstentscheidung an den Normen vernünftigen Handelns im Sinn der Gesellschaft ausrichtet. Lessing sieht hier das Instrument der sittlichen Läuterung durch Furcht und Mitleid. Im Sturm und Drang liegt das Gewicht auf der individuellen Freiheit, der sozialen Anklage und der Auflehnung des Individuums gegen das bestehende feudale Herrschaftssystem.

 Darin liegt gewissermaßen ebenso die Tragik des Sturm und Drang begründet: der im Grunde positive Impuls von Individualismus zerbricht als radikaler Subjektivismus an den äußeren Umständen. Die Egozentrik geht nicht selten an der Realität vorbei und ist zum Scheitern verurteilt. Dieses Scheitern implementieren die meisten Sturm und Drang Autoren in ihren Werken. Letztlich lassen sich die Ideale des revolutionär – jugendlichen Aufbruchs kaum verwirklichen, denn die postulierte Individualität ist ohne die Gesellschaft, ein sie notwendigerweise konstituierendes Element, nicht möglich.

Insgesamt lässt sich der Begriff der Aufklärung deutlicher als eine eigenständige Epoche erfassen, als eine Makrostruktur innerhalb eines Jahrhunderts. Der Sturm und Drang hingegen erscheint als eine vorübergehende Periode von wenigen Jahren, als Mikrostruktur, die sich auf den Zeitraum von ein bis zwei Jahrzehnten erstreckt.

Der Widerstand gegen die gesellschaftliche Abhängigkeit, das Streben nach der Autonomie des Subjektes oder die Auffassung des Genies als höchste Steigerung des Individuellen, kurz das literarische Schaffen des Sturm und Drang, lässt sich anhand verschiedener Charakteristika von dem andere Epochen und Strömungen, beispielsweise der Aufklärung oder der Klassik differenzieren. Es handelt sich dabei um bestimmte Merkmale des „kulturellen Textes“ bzw. der konkreten literarischen Produkte. Diese Charakteristika lassen sich auf unterschiedlichen Ebenen differenzieren und sollen im Folgenden kurz skizziert werden.

Der Sturm und Drang setzt übergreifend auf den so genannten Geniebegriff. Dichten ist demnach nicht erlernbar, sondern der Schreibende muss es in sich spüren. Der Gattungsform des Dramas wird stärker als anderen literarischen Gattungen eine gesellschaftsverändernde Kraft zugemessen. Insbesondere die Tragödie entspricht dem leidenschaftlichen und spannungsgeladenem Lebensgefühl der Strömung.

In den Bühnenstücken werden die Ansprüche des Sturm und Drang und seiner Genieästhetik deutlich in Bezug auf die kompositorische Darbietung, die sich insbesondere durch eine Loslösung von der klassizistischen normativen Poetik auszeichnet. Dies bedeutet vielfach einen Trend zum offenen Drama, hauptsächlich im Hinblick auf die Vielfalt von Handlung, Zeit und Ort sowie der Vielfalt von Sprachstilen, Ständerepräsentationen sowie einer insgesamt lockeren Komposition. Das Naturgenie bedarf andere als die bekannten Darstellungsmittel, um den tief greifenden Kampf zwischen Individuum und Welt auszudrücken. Die Regeln und Konventionen des klassischen Dramas werden von den Stürmern und Drängern als unnatürlich und einschränkend empfunden, jede Regel stellt zugleich eine potentielle Repression dar.

In den Dramen sind die Figuren und Charaktere der Handlung über- und nicht untergeordnet. Das Handeln der Figuren ist nicht mehr fremdbestimmt, ihr Schicksal nicht mehr von höheren Mächten gelenkt; daher verzichten die Sturm und Drang Autoren auf ein marienettenhafte starre Charakterzeichnung. Stattdessen repräsentieren die dramatis personae im Sturm und Drang ein breites Spektrum menschlicher Gefühle, Affekte und Geisteshaltungen. Seien dies die kreatürliche Leidensgestaltung in Gerstenbergs Ugolino, die Ambivalenz des unsteten Wild in Klingers Sturm und Drang oder die fast schon heroische Urtümlichkeit des kraftgenialen Protagonisten in Goethes Götz von Berlichingen. Während noch Lessing Aristoteles bestätigt, dass in der Komödie die Charaktere das Hauptwerk, die Situation hingegen nur das Mittel sei, in der Tragödie hingegen die Charaktere weniger wesentlich, kehrt Lenz diese These radikal um: Endzweck des ernsten Dramas solle Mensch sein, die Darstellung des Charakters der handelnden Person. (vgl. Martini) Nach Lenz (u.a.) entfaltet sich der Ablauf des Geschehens idealerweise aus dem Charakter der Hauptfigur.

Die Schauspiele der Sturm und Drang Autoren zeichnen sich darüber hinaus durch einen expressiven Sprachgestus aus. Direktheit, Dynamik und Affektgeladenheit determinieren Rede der Handelnden und unterstreichen damit den Anspruch naturgetreuer Charakterdarstellung. Gegen Aristoteles´ Auffassung des einheitlichen Sprachgestus bzw. Sprachstils zeigt die Bühne des Sturm und Drang eine breite Palette von Sprachgebrauchsformen. Dies repräsentiert zugleich die Ausrichtung des Sturm und Drang gegen Ständebarrieren. Im Gegensatz zu den höher gestellten Protagonisten in der aufklärerischen Tragödie werden in den Dramen des Sturm und Drang häufig tragischem Ausgang Konflikte zwischen Adel und Bürgertum sowie Grundfragen des bürgerlichen Selbstverständnisses ohne Beachtung der Fallhöhe thematisiert.

Auf der inhaltlichen Seite lässt sich das Schreiben im Sturm und Drang durch eine Reihe neue Themen und Motive charakterisieren. Mit der Auswahl der Stoffe und Themen tasten die Autoren durchaus Tabuthemen an. Neben der Darstellung kreatürlichen Leidens in verschiedenen Lebenssituationen monieren die Stürmer und Dränger bestehende gesellschaftlich politische Verhältnisse, namentlich die starre Unmenschlichkeit des Feudalabsolutismus.

Sie üben sich in der Adels- und Ständekritik sowie allgemeiner Kritik an absoluten Autoritäten. Vor allem der Schauplatz der Familie, im Besonderen der durch fortschreitende Arbeitsteilung in der neuen Organisationsform der bürgerlichen Kleinfamilie, taucht in Bezug auf Liebe und Sexualität, die Eltern – Kind – Beziehungen sowie die Geschwisterbeziehung in den Bühnenstücken der Strömung auf. Dabei sind bestimmte Intentionen, Motive und Phänomene besonders hervorzuheben, beispielsweise das der Genieästhetik bzw. der uneingeschränkten Selbstverwirklichung des genialen Menschen, des Bruderzwistes oder des Kindsmordes. Diese drei literarischen Phänomene sollen im Folgenden expliziert werden.

Der Begriff der genialen Selbstverwirklichung, des Genies, hängt eng mit biographischen Aspekten der Sturm und Drang – Autoren zusammen und lässt sich sowohl auf das literarische Schaffen beziehen sowie auch als ein allgemeines Lebens- und Existenzkonzept (in Realität und Fiktion) begreifen. Das Genie, der Kraftkerl bzw. das Kraftgenie arbeitet und lebt unbeeinflusst und unverformt nach den Gesetzen der Natur, zeichnet sich durch eine ganzheitliche, authentische Lebensweise aus, die nicht durch künstliche Regeln und Zwänge verfälscht ist.

Bezogen auf das literarische Schaffen bedeutet dies, das Kunst als solche nicht erlernbar bzw. durch Regeln anwendbar ist, sondern der Künstler (und Dichter) aus seinem Genie selbst schöpft. Bezogen auf literarische Einzelwerke manifestiert sich genialistisches Schaffenn in der Zeichnung wahrheitsgetreuer Charaktere, in einer Abkehr von der Geschlossenheit des Bühnenstückes sowie einer unverfälschten, emotionsgeladenen Sprachgestaltung. Eine Vorbildfunktion nahm in dieser Hinsicht Shakespeare ein, den Martini als dramatischen Abgott der Stürmer und Dränger nennt. Insgesamt versteht sich die Genieästhetik auch als Gegenentwurf zum französischen klassizistischen Dramenverständnis.

Die Protagonisten werden im Sinne von Kraftgenies bzw. als Typus des großen Menschen gezeichnet, der seinen Empfindungen und Leidenschaften freien Lauf lässt. Dieses Verständnis einer uneingeschränkten Selbstverwirklichung des genialen Genies lässt fast zwangsläufig einen Konflikt mit bestehenden gesellschaftlichen Konventionen erwarten, insbesondere vor dem Hintergrund der bestehenden politischen Situation. Somit symbolisiert das Genie latent die auch eine Rebellion.

Bezogen auf den Geniebegriff (nicht nur im Sturm und Drang) widerspiegeln sich, sowohl bezogen auf die Ebene der Realität als auch der literarischen Fiktion, ebenso Fragen, welche die moderne Kreativitätsforschung noch heute bewegen, beispielsweise die Motivation zu derart schöpferischem bzw. kreativem Tun. Sind es Enge, Bedrängnis und Zwang der Autoren, z.B. in wirtschaftlich-finanzieller Hinsicht oder gerade Freiheit des Geistes, die Unabhängigkeit von materiellen Sorgen. Seine Bedeutung erhält dieser Denkansatz, soweit die Existenzbedrohung und die Position der Autoren innerhalb der Gesellschafts- bzw. Ständehierarchie ins Zentrum des Interesse rücken.

Zu erwähnen bleibt, dass der Terminus des Genies innerhalb der „Geniezeit“ offensichtliche eine temporäre Entwertung erfahren hat: die Bezeichnung „Genie“ lässt sich als „für die Strömung passend“ interpretieren, weniger in dem elitären Sinne, wie der Terminus im 21. Jahrhundert verstanden wird (vgl. Gerstenbergs Briefwechsel mit Lessing zu dem Manuskript des Ugolino)

Das Motiv des Bruderzwistes lässt ebenfalls sich als konstituierend für den Sturm und Drang benennen. Es taucht unter anderem bei Leisewitz, Klinger, Goethe und Schiller auf. Gezeichnet werden zwei Bruderfiguren, die sich durch entgegengesetzte Lebenshaltungen auszeichnen. Zumeist handelt es sich um einen schwächeren, sanftmütigen oder heimtückischen Bruder, der als Gegenpol zu einem größeren, tatkräftigen Bruder gesetzt wird. Wenzel beschreibt hier das Konzept von vita contemplativa und vita aktiva. Reflexion, gesellschaftliche Zwänge, Zurückgezogenheit bzw. hintergründige Aktion kennzeichnen den einen, Aktion, Tatendrang, teils unreflektiertes Handeln, Kühnheit und oder Gewalt den anderen Bruder. Im Verlauf der Handlung befehden sich diese Brüder und bringen einander den Tod.

Dieses vielschichtige Motiv symbolisiert unter anderem die Problematik der zunehmenden Arbeitsteilung innerhalb der beginnenden Industrialisierung. Sie führt unter anderem zur Spaltung von kontemplativen und aktiven Bereich des Menschen, zu Einseitigkeit und Isolation. Die Antithetik von Reflexion Aktion zeichnet besonders Schiller in dem Schauspiel Die Räuber. Gleichzeitig fordern die Stürmer und Dränger die Ganzheitlichkeit des Menschen: der Konflikt kann durch die Verbindung beider Extreme gelöst werden.

Während die Brüder auf der inhaltlichen Ebene ihr eigenes Interesse bzw. Glücksstreben im Gegensatz zur Aufklärung über das der übrigen Familienmitglieder stellen, tritt auf der symbolischen Ebene die Kritik am bestehenden Recht der Erbfolge hinzu. Der Bruderzwist als familiärer bzw. sozialer Konflikt wird durch die bestehenden gesellschaftlichen Konventionen gewissermaßen von außen in die Familie hineingetragen. Klinger spitzt dies besonders weit zu und verdeutlicht in seinen Zwillingen  die Unmenschlichkeit dieses Denkens: der Status von Erst- und Zweitgeborenen ergibt sich aus dem winzigen Unterschied von wenigen Minuten bei der Geburt bzw. aufgrund der willkürlichen Festlegung außenstehende Beobachter.

Im Motiv des Kindsmords manifestiert sich ein ganzes Spektrum von Kritiken, angefangen von der verführten Unschuld, gesellschaftlichem Unrecht und Standesunterschieden bis hin zum Tabuthema außer- und vorehelicher Sexualität. Wagner zeichnet in seiner Kindermörderin eine eindrucksvolle Impression dieser Problematik. Eine bürgerliche Unschuld wird vom Adel verführt und aufgrund der Verhältnisse von Standesehre und starrer Standesschranken dazu getrieben, ihr Kind zu töten.

Insgesamt wird das Thema des Kindsmords in den Kreisen der Stürmer und Dränger lebhaft diskutiert, insbesondere aufgrund der realen Hinrichtung einer Kindermörderin in Frankfurt im Jahre 1776. Die Autoren empfinden die Rechtssprechung teils als grausam und rückständig. Die Hauptstärke liegt bei Wagners Kindermörderin in der ungeschminkten Wirklichkeitsschilderung, dem derben Realismus und seiner sozialkritischen Tendenz. Das moralische Elend erweist sich als ein politisches, im Zentrum stehen gesellschaftliche Herrschaftsprivilegien. Die Schuld trifft die patriarchal unterdrückte Frau, in ihr Unglück gerät sie durch die Verführung der Männer. Gleichzeitig erhält die Literatur eine neue Bestimmung: sie soll nicht mehr nur unterhalten, sondern Einfluss auf die öffentliche Meinung nehmen.

Weiterhin werden Konflikte zwischen Moralkodex und Leidenschaften, die Zerrissenheit und Melancholie des Menschen, teilweise ob seines Gefangenseins bzw. seiner aussichtlosen Situation, sowie die jugendliche Rebellion gegen die herrschende Ständehierarchie oder das Aufbegehren gegen die Vaterinstanz thematisiert. In zahlreichen Werken stehen erstmals eine Reihe jugendlicher Protagonisten im Zentrum des Geschehens. Sie können ihre Kritik an den bestehenden Verhältnissen, an der Weltordnung deshalb derart forcieren, da eine Veränderung bzw. ein Zusammenbruch sich für sie zum positiven auswirkt. Sie symbolisieren unter Umständen auch deshalb die unteren Stände, aus denen auch verschiedene Autoren des Sturm und Drang selbst stammen.

Jedoch bieten die Stürmer und Dränger keinerlei konkrete Lösungsansätze vor, ihr Schaffen beschränkt sich vielfach auf die reine Darstellung. Als Deutungsansatz lässt sich einerseits die Tatsache anführen, dass den Literaten die Machtverhältnisse als zu übermächtig und starr erscheinen und damit von vorneherein unveränderbar. Dies symbolisiert unter anderem das Risiko des Scheiterns der Handelnden, welches in die Werke implementiert wird. In diesem Sinne präsentiert sich der Sturm und Drang als eine Art Literaturrevolution.

Andererseits weist Japp auf eine verschwiegene Paradoxie des Sturm und Drang hin, namentlich den Schreibekel einiger Protagonisten, beispielsweise im Götz oder den Räubern. Schreiben erhält eine negative, Handeln eine positive Bedeutung, gestaltet von Zeitgenossen, die sich selbst, von Nebentätigkeiten abgesehen, hauptsächlich des Schreibens befleißigen. Hieraus ließe sich eine Intention der Stürmer und Drängern ableiten, dass ihre Gedanken nicht nur geschrieben, sondern gelebt werden sollen. Der Erlebnisdimension Bühne sowie den Kulturtechniken des Lesens und der Schrift (in Bezug auf die Lesedramen) käme damit eine neue Bedeutung zu, und zwar die einer Vermittlungsinstanz für revolutionäre Ideen, welche weit über die engen Grenzen der historischen Kleinstaaten hinausreicht und eine breite Masse der Bevölkerung erreicht.

Abschließend sollen dramentheoretische Aspekte zum Sturm und Drang skizziert werden. Neben den bereits genannten Gesichtspunkten rückt auch die vieldiskutierte Poetikfrage ins Zentrum des Interesses. Das literarische Schaffen im Sturm und Drang manifestiert sich nicht nur in den konkreten Bühnenstücken, sondern darüber hinaus auch in verschiedenen theoretischen Schriften der Stürmer und Dränger. Darin formulieren sie ihre Postulate zu Theater und Schauspiel, die allerdings teilweise deutlich voneinander abweichen.

Martini beleuchtet das Theater- und Dramenverständnis einzelner Autoren näher. Er entdeckt sowohl übereinstimmende Grundtendenzen als auch stark voneinander abweichende Auffassungen. Das vorgefundene breite Spektrum an Theorien und Vorstellungen zum ´idealen Bühnenstück´ hat demnach nur wenig mit dem begrifflichen Kanon einer Poetik (des Sturm und Drang) gemeinsam. Dies gilt gleichsam als Erklärungsansatz für die Schwierigkeiten in Bezug auf diese Poetikfrage. Gewissermaßen als kleinster gemeinsamer Nennen lassen sich die Kritik am „Brettergerüst“, der „Schnürbrust“ (Schiller) oder dem „Korsett“ antiker und traditioneller Konventionen festhalten sowie die übergreifende Vorbildfunktion Shakespeares. Insofern lässt sich weniger die Poetik, als vielmehr die Ästhetik (vgl. Brandes) der Strömung erfassen.

Das Drama zeigt als verbindenden Grundimpuls bei vielen Autoren eine Akzentuierung des Individuellen und Charakteristischen, eine Verselbständigung von einzelnen Szenen, Figuren und Dialogen.

Gerstenberg eröffnet in seiner Auseinandersetzung mit Shakespeare ein neues Dichtungsverständnis, was Gattung und Bühne sprengt. Es erstreckt sich über die Jahre bis hin zu Schillers Jugenddramen. Ebenso rückt Herder den englischen Dichter in den Mittelpunkt, empfiehlt in sogar in der deutschen Literatur. Die Größe von Shakespeares Leistung sieht Herder in der Verbindung von Widersprüchlichem und Verschiedenartigem. Zeit und Raum werden aus dem starren antiken Schema herausgenommen, stattdessen schafft sie der Dichter in seinem Werk neu. Außerdem bedrohen moralische und erzieherische Ansprüche die poetologische Eigenständigkeit des Dramas.

Nach Goethe drängt sich, besonders im Götz, das Einzelne eigengewichtig vor und lässt Überschau und Zusammenhang zurücktreten. Insbesondere akzentuiert er die Ambiguität der Erscheinungen des Lebens und bevorzugt insgesamt eher die Komplexität. Dies führt nicht zuletzt zu den bekannten Problemen der Spielbarkeit auf der Bühne. Lenz versteht die Ständeschranken der Gesellschaft als Bildungs- und Geschmacksgrenzen und strebt nach einer Beseitigung dieser Barrieren. Gewissermaßen als Zielgruppe sieht er das gesamte deutsche Volk. Er negiert die griechische Tragödienverständnis und stellt ihr die Charaktertragödie gegenüber, welche das neuzeitliche autonome Selbstbewusstseins des Menschen hervorhebt. Seine Anmerkungen über das Theater werden zwar bisweilen als Poetik des S.u.D. behandelt, doch erfassen selbst seine eigenen Werte nach Martini nur einen Ausschnitt der Postulate.

Martini nennt Schiller einen Dramatiker, der die Kunst mit Entschiedenheit zur Bühne zurückführt. Zwar ist auch beim ihm das Drama auf den Charaktere konzentriert, doch zeigt sich hier eine harmonisch gegliederte Ordnung einer obersten Vorsehung,  das Bühnenstück als Miniaturgemälde. Schiller und Lenz verbindet die Auffassung der Schaubühne als eine Stätte der Menschen und Volksbildung

Nach Martini lässt sich die Jugend- und Generationsbewegung des S.u.D. keineswegs als eine Einheit erfassen. Im Protest gegen Normierungen und Konventionen möchten sich die Autoren ebenso wenig neuen Konventionen der eigenen Generation unterwerfen. Der junge Goethe lässt sich zwar als Leitbild und Konzentrationspunkt der dichterischen Bestrebungen erfassen, jedoch nur für begrenzte Zeit. Lenz, Klinger, Wagner sowie Goethe und Schiller sind demnach zu individuelle Naturen, zu spezifisch durch Sozialisation und geistige Voraussetzungen sowie auch literarisches Vermögen geprägt, dass es mittelfristig zu Separationstendenzen kommt.

Der schöpferische Mensch erscheint als seine eigene Poetik, die er weniger konkret ausformuliert, sondern im Werk verwirklicht. Hinzu kommt die Schwierigkeit des Einbezugs eines neuen Gesellschafts- und Weltverständnis über die Literatur hinaus

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© Frank Kretschmann, Hameln. 2004-2009.