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Peter Weibel - Die Beschleunigung der Bilder. In der Chronokratie. (WEIBEL, PETER (1987): Die Beschleunigung der Bilder. In der Chronokratie. Bern: Benteli Verlag / ZKM Karlsruhe 2003.)
Gesamtüberblick
Peter Weibel legt hier einen sehr dicht geschriebenen, gut lesbaren und auf jeden Fall zu empfehlenden Abriss über Gesellschaft, Kunst, Kultur und Ökonomie des 21. Jahrhunderts vor. Zentrale Fluchtpunkte seines Essays sind Zeit und Beschleunigung. Er markiert die Geschwindigkeit als das Merkmal der Moderne, als Eigenschaft der Massengesellschaft, die um die Jahrhundertwende radikal in Erscheinung tritt. In Form einer historischen Annäherung skizziert Weibel die Anfänge der Beschleunigung durch die Industrialisierung, den technologischen Paradigmenwechsel vom Handwerk zur Maschine, der gleichzeitig die Grundlagen für Fortschritt, Bevölkerungsentwicklung und Urbanisierung darstellt. Auf diesen Grundpfosten ruht die heutige (westliche) Gesellschaft und Zivilisation. Die reaktionäre Verwerfung von Beschleunigung und Geschwindigkeit, die apokalyptischen Zeichnungen der Kritiker aus kulturellen und ökonomischen Sphären, scheinen indes klassenkämpferische Wurzeln zu besitzen: Denn in der modernen Zivilisation treten die einstigen Eliten zurück und die Massen erobern die vornehmsten Plätze der Welt. Doch ist blinder Fortschrittsglaube nicht angezeigt, denn dem kritischen Blick entgeht nicht, dass längst neue schismatische Tendenzen zu beobachten sind. Eine besondere Rolle spielen Kunst und Kultur und Kulturbetrieb, die teils auf konservativen, ja rückständigen Techniken und Strukturen beharren. Gerade der Betrieb der Bildenden Kunst, welcher nicht selten besonders die massen-(medialen) Produkte anprangert, steht im Verdacht, seinen Status quo aus der Ausbeutung der Massen zu konstituieren. Stellt sich die Kunst gegen die Beschleunigung und wird zu einer Mauer gegen die Revolution, gegen den Fortschritt? Mit der Geometrisierung des Leibes, der Natur und der Gesellschaft, beginnend in der Renaissance, der mechanischen Beschleunigung und Bewegung seit dem 19. Jahrhundert geht gleichzeitig ein Aufbrechen von raumzeitlichen Einheiten und Referenzsystemen einher. Die natürliche Echtzeit existiert nicht mehr, Parameter des Raumes und der Entfernung, des Geldwertes, von Arbeit und Kapital werden im 21. Jahrhundert nur noch unter der Prämisse ihrer Zeitlichkeit gehandelt. Das Börsengeschäft gilt dabei als symptomatisch, denn dort ergibt sich Profit aus einer bloßen zeitlichen Differenz. Die Ökonomie der Chronokratie lebt von der Zeit, Zeit wird mittels Zeit produziert. Damit wird klar: die neuen Mächtigen sind diejenigen, welche die Zeit kontrollieren. Ob des Ausmaßes neuer und alter Medien mit ihren eigenen Zeitkonzepten und Zeitlichkeiten, von Technozeit, Computerzeit und Simulation werden damit neue Machtpotenziale in der Mediengesellschaft des 21. Jahrhunderts deutlich. Weibel bezieht seine teils sehr umfassenden Ausführungen immer wieder auf die Kunst und Erscheinungen in der Kunst. Intensiv thematisiert er die Herausbildung der Zeitkonzeptionen visueller Medien, insbesondere der Fotographie und des Films. Aus dieser historischen Skizze heraus lassen sich aktuelle Mediendiskurse aus einer völlig neuen Perspektive betrachten. Im Changieren zwischen gesellschaftlich–ökonomischen und sozial–kulturellen Phänomen stellt Weibel außerdem zahlreiche Bezüge zur Kunst und Kunstgeschichte her. Ihre Rolle wird dabei als Spiegelfläche, Antwortenfundus und Konservatorium gesellschaftlicher Verhältnisse und Entwicklungen erfasst. Wollen Sie ihre Meinung zu dieser Rezension kundtun? Dann schreiben Sie bitte hier ins Gästebuch!
© Frank Kretschmann, Hameln. 2004-2009. |