Home

Didaktik / Schulisches

Projekte

Aktuelles

Eltern / Schüler

Rechtliches

zurück

 

Jeder kann Abitur machen.

Die Frage ist nur, zu welchem Preis.

 

Schulbildung als volkswirtschaftliche Frage

Problem außerschulische Sozialisation

Debatte um Schulstrukturen ist die falsche Stellschraube

 

Schulbildung als volkswirtschaftliche Frage [nach oben]

 Allen Kindern alles lehren! Der Pädagoge Comenius formulierte vor Jahrhunderten dieses Bildungscredo. Es erlebt bei der vieldiskutierten Frage nach Gemeinschaftsschule und Abiturquote eine ungeahnte Renaissance. Soziale Herkunftsunterschiede für das Erreichen von Bildungszielen unbeachtet zu lassen, erschien vor 350 Jahren noch revolutionär. Heute gilt es als selbstverständlich, obgleich heftig darüber gestritten wird, inwiefern das deutsche Bildungswesen von diesem Ideal abgerückt ist.

Nach Comenius´ Credo müsste es für jeden Schüler möglich sein, die Hochschulreife zu erreichen und ein Studium zu absolvieren. Die Frage ist nur, zu welchem Preis. Eine hohe Qualifizierung der Schüler, viele Abiturienten und Studenten müssen politisch gewollt sein und kosten Geld, viel Geld, denn Bildung ist nicht zum Schnäppchenpreis zu haben.

Sie zahlt sich in den allermeisten Fällen allerdings aus. Sowohl für den Einzelnen, der aufgrund seiner Qualifizierung ein gutes Einkommen und damit Wohlstand erreicht, als auch für Staat und Gesellschaft. Ein hohes Bildungsniveau garantiert wirtschaftlichen Wohlstand sowie politische und gesellschaftliche Stabilität. Investitionen in die Bildung berühren nicht zuletzt volkswirtschaftliche Aspekte. Kaum verwunderlich, dass darüber gestritten wird. Doch leider oft auf den falschen Baustellen. Nicht Schulstrukturen müssen primär über den Haufen geworfen werden, sondern Finanzierungsstrukturen.

Bei individueller Förderung würde man vermutlich jeden Hauptschulabbrecher zum Hochschulabschluss führen können. Fraglich nur, ob sich eine Kosten-Nutzen-Analyse dann volkswirtschaftlich betrachtet noch durch ein positives Ergebnis auszeichnet. Zwar können wir es uns tatsächlich nicht leisten, Brainpotenzial der Bevölkerung schlummern zu lassen, eine massive Steigerung der Abiturientenzahl um jeden Preis ist jedoch eine Rechnung, die ebenfalls nicht aufgeht. Dahinter steht die alte betriebswirtschaftliche Frage, mit welcher Preisgestaltung der meiste Umsatz, mit welcher der meiste Gewinn erzielt wird.

Die Vergangenheitsinvestitionen des deutschen Staates, ob Zinszahlungen, Pensionen oder Subventionen stehen noch immer in einem ungünstigen Verhältnis zu den Zukunftsinvestitionen. Nichts anderes sind Mittel, die man für das Schulsystem bereitstellt. Dabei ist Bildung die lohnendste Investition überhaupt, vor allem mit Blick auf die Frage, wie der jetzige Wohlstand zukünftig zu halten ist, wenn heute schon der Fachkräftemangel die Wirtschaft bremst.

Manche Reformen verlangen Mut und Durchhaltevermögen abseits von Ideologien oder Fraktionszwang. Was benötigt wird, sind mehr Lehrerstunden und kleinere Klassen, aber keine neue Gesamtstruktur, die letztlich vermutlich mit der gleichen Mangelverwaltung klarkommen muss wie die jetzigen Schulen.

Wenn über Reformen und Vereinheitlichungen nachzudenken ist, dann sollten Kinder von Hameln nach Minden umziehen können, ohne dass sich ihre Eltern mit komplexen curricularen Unterschieden befassen zu müssen, die beispielsweise einen länderübergreifenden Übertritt zwischen zwei Klassenstufen erschweren. Während inzwischen europaweit einheitliche Studienabschlüsse angestrebt werden, gleicht die Bundesrepublik in Schulfragen einem mittelalterlichen Flickenteppich. Ein unhaltbarer Zustand, der durch parteipolitisches Machtgehabe noch verstärkt wird. Wie kann es sein, dass die Bildung, die jahrzehntelang ein Nischendasein führte, inzwischen zum Spielball parteipolitischer Interessen geworden ist?

  

Problem außerschulische Sozialisation [nach oben]

 Dies geschieht letztlich auf dem Rücken von Schülern, Eltern und Lehrern. Wieder und wieder wird das bestehende Schulsystem in Frage gestellt, eine Reform jagt die nächste. An dieser Stelle lohnt ein Blick in Schulen auf dem asiatischen Kontinent: indische und chinesische Spitzenforscher und IT-Fachkräfte wurden in Schulsystemen und mit Lernmethoden ausgebildet, die in Deutschland als antiquiert gelten. Daneben ruht die (noch) erfolgreiche Forschung in Deutschland, die erst kürzlich wieder Nobelpreisniveau erreichte, auf Fachkräften, die von dem bestehenden Schulsystem herangezüchtet wurden.

In Asien werden mit geringen finanziellen Ressourcen und einfachsten Mitteln große Lernerfolge erzielt. Unterrichtsmedien neben der Lehrperson existieren so gut wie nicht, Methodenvielfalt ist ein Fremdwort. Durch Pauken und Memorieren eigenen sich die Lernenden im Frontalunterricht Inhalte und Wissen an und selbst die viel gelobte Erziehung zum kritischen Denken kommt keineswegs zu kurz.

In der Lernforschung unumstritten ist, dass durch neuere Methoden wie „visual thinking“ oder „kooperatives Lernen“ in Deutschlands Schulen höhere Lernerfolge erreicht werden. Dies kann jedoch im Rahmen der bisherigen schulischen Strukturen geschehen und wird heute in den meisten Klassenzimmern seit Jahren praktiziert.

Warum funktioniert das Lernen in Asien mit „schlechten Schulen“ und veralteten Methoden so gut? Ist es, weil die Menschen dort eine andere Einstellung zur Schule besitzen? Weil Kinder dort viel mehr Zeit in der Familie und mit den Eltern verbringen und lernförderlicher sozialisiert werden? Weil ihnen – wenn auch leider oft über harte körperliche Arbeit – viele Primärerfahrungen und Softskills vermittelt werden, an denen es deutschen Kindern mangelt? Lernen sie vielleicht TROTZ der schlechten Schulen gut, weil sie eine andere Einstellung zum Lernen an den Tag legen?

Nach Aussagen der Nobelpreisträger Peter Grünberg und Gerhard Ertl hing es in ihrer Jugend stark von der eigenen Einstellung und Leistungsbereitschaft und weniger vom sozialen Umfeld ab, ob jemand die Hochschule besuchte. Auch träfe diese Feststellung noch heute auf den Bereich naturwissenschaftlicher Forschung zu.

Doch ganz so einfach dürfen wir es uns wohl auch nicht machen. Denn das eigene Wollen hängt schließlich entscheidend von der kindlichen und frühkindlichen Sozialisation ab, und damit doch wieder vom sozialen Umfeld. Ob jemand Abitur macht, beeinflusst maßgeblich nicht das Schulsystem, sondern seine Eltern.

Es reicht eben offenbar nicht aus, Kindern Spielzeuge, Computer, Internet und Software, Nachhilfe oder Hausaufgabenbetreuung zu Verfügung zu stellen. Zentral ist die kindliche und frühkindliche Förderung durch gemeinsames Lernen und Spielen, durch vielfältige körperliche Primärerfahrungen und intensive persönliche Beschäftigung mit den Kleinen. Wenn bei Fünfjährigen ein erheblicher Teil ihrer kognitiven Verknüpfungen ungenutzt abstirbt, betreten sie die Grundschule mit schlechtern Voraussetzungen als sie müssten. Genau dieses Schicksal erleiden nicht wenige Vorschüler, weil sie in Kindergärten und Betreuungsgruppen intellektuell nicht ausreichend gefordert werden oder eine Binnendifferenzierung in diesen Institutionen fehlt.

Jahrelange intensive Kinderbetreuung macht natürlich Arbeit und kostet Zeit. Zeit, die den Eltern entweder an Freizeit abgeht oder ihnen aufgrund beruflicher Verpflichtungen gar nicht zur Verfügung steht. Paradoxerweise verfügen Eltern aus sozial schwachen Haushalten statistisch gesehen über weitaus mehr freie Zeit, als die der Mittelschicht, nur wird sie falsch genutzt.

Es muss also erlaubt sein, die elterliche und familiäre Vorarbeit stärker in die Pflicht zu nehmen oder aber noch wesentlich mehr Ressourcen für eine stärker staatlich determinierte Erziehungs- und Bildungsarbeit bereitzustellen. Daneben könnte eine aufklärende Informationsoffensive zur kindlichen Sozialisation helfen: „Verbringt mehr Zeit mit den Kindern!“ Das ist zwar unbequem, zahlt sich aber zehnmal mehr aus, als spätere Nachhilfe.

Neben dem Ineinandergreifen traditioneller und innovativer Lernmethoden ist eine Art „Beweislastumkehr“ und ein Schulterschluss zwischen Elternhaus und Schule notwendig. Wenn sich bei einem Schüler Lernprobleme zeigen, darf nicht primär gefragt werden, was am System nicht stimmt oder seine Lehrer falsch gemacht haben.

Sofern Eltern sich einen Großteil der unterstützenden, außerschulischen Bildungs- und Erziehungsarbeit nicht leisten wollen oder aus beruflichen Gründen nicht können, erleichtern sie sich die „Ausbildung“ des Nachwuchses mittels Computer, TV und Freizeitangeboten. Diese treten dann häufig in Konkurrenz zur Schule und verändern die Lern- und Leistungsbereitschaft des Nachwuchses negativ. Freilich bleibt im schier grenzenlosen Streben nach Unterhaltung und Zerstreuung zwischen iPod, Spielkonsole, SMS-Chat und MTV wenig Interesse für Beuys Kunstbegriff, die Schwingungslehre oder Dürrenmatts Theaterverständnis übrig. Dass auch die Herausforderung des Denkens, das Angehen komplexer kognitiver Probleme Befriedigung bietet, wird dem Nachwuchs so gar nicht erst antrainiert.

 

Debatte um Schulstrukturen ist die falsche Stellschraube [nach oben]

 Die Freiheiten der eigenverantwortlichen Schule sind eine mögliche Antwort auf die schwieriger gewordene Arbeit vor Ort. Überall klingen sie also durch, die neuen außerschulischen Bedingungen. Die Eigenverantwortlichkeit fruchtet jedoch wenig, wenn Schüler in viel zu großen Klassen in zu kleinen Räumen lernen müssen. Der bauliche Zustand und die personelle und materielle Ausstattung der Schulen – ob sie nun Gymnasium, Regelschule oder Gemeinschaftsschule heißen – sind ihrem Lernen gemessen an den erwähnten Ausgangsbedingungen keinesfalls zuträglich.  

Die viel diskutierte Gemeinschaftsschule löst vielleicht Probleme der Hauptschule, punktuell auch die an Realschulen. Vor allem aber besteht die Gefahr, dass sie das Leistungsniveau des Gymnasiums einebnet. Diese funktionierende Institution abzuschaffen, forciert paradoxerweise genau das, was SPD-Sozialexperte Karl Lauterbach dem jetzigen gegliederten Schulwesen attestiert. Nach seiner Meinung bremst das deutsche Schulsystem nach oben und nach unten aus. Mit einer Gemeinschaftsschule begännen wir jedoch oben: Noch bevor ein Haupt- oder Realschüler eine bessere Förderung erhielte, sägten wir die Leistungsspitze an. Ob mit dieser Strategie in 30 Jahren den Deutschen noch Nobelpreise zuerkannt würden, ist mehr als zweifelhaft.

Den Gegnern des Gymnasiums mag bei der Schulform die ursprüngliche Bedeutung der Vokabel vorschweben: Nacktenanstalt zwecks konkurrierendem Kampf um gute Leistungen, Schule einer privilegierten Elite. Dieses Bild entspricht jedoch nicht mehr der schulischen Wirklichkeit. Mancherorts suchen schon jetzt 40 bis 50 Prozent eines Jahrgangs das Gymnasium auf und machen es faktisch zu einer heimlichen Gemeinschaftsschule, jedoch ohne dass man ihr entsprechende Ressourcen zuspricht. Mit Bandbreiten von 32 Schülern, fehlenden Verfügungsstunden und Unterrichtskürzungen lassen sich individuelle Förderung oder gar Binnendifferenzierung in der Sekundarstufe I kaum praktizieren. Das Gymnasium erbringt dennoch exzellente Leistungen, und auch die Real- und Hauptschulen, gerade im ländlichen Raum, bereiten die Schülerschaft im Rahmen ihrer Möglichkeiten hervorragend auf das Berufsleben vor, weil Pädagogen vor Ort trotz vieler Probleme gute Arbeit leisten.

Diese Arbeit wird ganz bestimmt nicht dadurch leichter, dass man ihnen eine weitere Grundsatzreform aufoktroyiert, die womöglich einige Jahre später abermals reformiert wird. Geholfen werden könnte beispielsweise eher dadurch, dass man die schwierige Arbeit an Hauptschulen vor Ort durch zusätzliche Ressourcen unterstützt. Kleinste Lerngruppen, zeitintensive Betreuung bis hin zur vis-á-vis-Förderung, Integrationshelfer und Sprachkurse können in sozialen Brennpunkten schulische Erfolge forcieren und die Reputation der Hauptschule verbessern.

Ganz sicher lassen sich die Probleme des gegliederten Schulsystems nicht dadurch lösen, dass man sie miteinander vermengt. Sie resultieren daraus, dass die einzelnen Schulformen ressourcentechnisch und konzeptionell nicht an veränderte Rahmenbedingungen angepasst wurden. Vielmehr sollte die Devise „bunt statt rot“ gelten. In einer pluralen Schullandschaft aus autonomen oder zusammengelegten Haupt- und Realschulen, Regelschulen, kooperativen oder integrativen Gesamtschulen und Gymnasien sollen und können auch Eltern stärker mitbestimmen, welches Ausbildungskonzept sie ihrem Nachwuchs zukommen lassen wollen. Schließlich kommt einer ausdifferenzierten Gesellschaftsstruktur nur ein plurales und kein einheitliches Schulsystem bei.

Ja, die Schule muss sich verändern. Aber nicht, weil das Schulsystem oder einzelne Schulen „schlecht“ sind, sondern weil sich die Rahmenbedingungen verändert haben. Und generell verändern. Schule dient als Instrument zur Reproduktion von Gesellschaft, die gerade im 21. Jahrhundert einer ständigen Veränderung unterliegt. Die Zauberformel lautet wohl eher: mehr Geld und weniger Debatten.

Dann könnte endlich etwas Ruhe in das reformgebeutelte deutsche Schulwesen einkehren und sich Lehrer und Schüler wieder dem Kerngeschäft widmen: Unterricht und Lernen. Gute Ergebnisse in Ländervergleichstests würden sich in Ermangelung des Pygmalion-Effekts sicherlich wieder einstellen.

 

Wollen Sie ihre Meinung zu diesem Artikel kundtun?

Dann schreiben Sie bitte hier ins Gästebuch!

Zum Gästebuch

 

nach oben

© Frank Kretschmann, Hameln. 2004-2009.